Geoff Crimmins/Moscow-Pullman Daily News via the AP

Orlando

Ein Albtraum wird Wirklichkeit

von Peter Winkler / 13.06.2016
Der Überfall auf einen Nachtklub in Orlando wirft viele Fragen auf. Das wird die Politiker nicht hindern, ihn für den Wahlkampf auszuschlachten.

Ein einzelner Mann, ein Amerikaner afghanischer Abstammung, hat in einem Nachtklub in Orlando erneut gezeigt, wie einfach es in der freiheitlichen Welt ist, ein enormes Blutbad anzurichten, wenn man nur verblendet genug ist. Er war den Justizbehörden offenbar schon wegen einer Neigung zum Fanatismus aufgefallen, wurde aber nicht speziell überwacht. Es ist zu vermuten, dass der Ursprung für Omar Mateens Verblendung eine Auslegung des Korans ist, die den Hass vor die Liebe, das Leid vor das Glück und den Todeskult vor die Achtung des Lebens stellt.

Wasser auf die Mühlen der Angst

Seit dem Blutbad von San Bernardino im Dezember hat ein Teil der amerikanischen Bevölkerung angsterfüllt darauf gewartet, dass der nächste Anschlag eintrifft, und Mateen hat ihren Albtraum Wirklichkeit werden lassen. Es ist dieser Teil der Bevölkerung, der Donald Trumps Forderung nach einer befristeten und totalen Einreisesperre für Muslime bejubelte. Und es ist zu befürchten, dass seine Forderung nun erneut aufs Tapet kommt.

Nichts freut die Verblendeten mehr, als wenn sie mit ihrer Taktik Erfolg haben, den Islam zu diskreditieren, und wenn es ihnen gelingt, die andersgläubigen Gesellschaften zu ködern, die große Mehrheit der Muslime mit den Fanatikern gleichzusetzen.

Offene Fragen

Der Anschlag wirft eine ganze Zahl von Fragen auf, deren Beantwortung wichtiger ist als das Ausschlachten der Tragödie für wahltaktische Zwecke. Etwa jene, wie es einem jungen Mann, der dem FBI offenbar aufgefallen war, gelingen konnte, sich zu bewaffnen. Auch die Frage, warum die Polizei zwischen dem Beginn des Überfalls um 2 Uhr morgens und der Stürmung des Klubs fast drei Stunden wartete, muss geklärt werden.

Einheimische einsame Wölfe

Die Tragödie von Orlando ist eines der schlimmsten Blutbäder in Amerika, und – falls sich der Verdacht erhärten sollte und es sich um einen Terrorangriff eines verblendeten Fanatikers handelte – der blutigste islamistische Anschlag seit dem September 2001. Auch wenn insgesamt in den USA die Gefahr, bei einer „ganz normalen“ Schießerei oder bei einem Amoklauf eines psychisch Kranken ums Leben zu kommen, immer noch viel größer ist, als durch die Hand von Dschihadisten umzukommen, wird und kann Amerika nach Orlando nicht zur Tagesordnung übergehen. Die Terroristen müssen nicht über den Ozean kommen, sie sind schon da.