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US-Präsidentenwahl: Die Macht ist mit den Algorithmen

von Adrienne Fichter / 04.10.2016

Facebook und andere soziale Netzwerke tragen ihren Teil zur Polarisierung im amerikanischen Wahlkampf bei. Grund dafür sind die Algorithmen, welche die Wähler noch stärker polarisieren. Die Betreiber der Plattformen stehen dem hilflos gegenüber.

Soziale Netzwerke prägen den diesjährigen amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf wie nie zuvor. Grund dafür ist, dass eine zunehmende Zahl von Wählern politische Informationen vorwiegend über Plattformen im Internet konsumiert. 44 Prozent aller Amerikaner betrachten laut einer Umfrage des Pew Research Center Facebook als ihre wichtigste Nachrichtenquelle. Auch die erste Fernsehdebatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten machte die Relevanz der sozialen Netzwerke deutlich: 55 Millionen Zuschauer verfolgten das Duell über den Live-Stream von Facebook.

Dieser erzeugte rund 73 Millionen Reaktionen und übertraf damit alle bisherigen Debatten des Formats, wie das Web-Magazin Politico meldet. Beim Kurznachrichtendienst Twitter generierte der Schlagabtausch mehr als 10 Millionen Tweets, so viele wie noch nie bei einem Fernsehduell zweier Präsidentschaftskandidaten.

Neue Anbieter dominieren

Doch die enorme Popularität der sozialen Netzwerke in den USA dürfte sich in diesem Wahlherbst als Problem erweisen, weil diese Medien den Wettstreit politischer Meinungen eher behindern als fördern. Grund dafür ist die Beschaffenheit der sozialen Netzwerke, konkret die Art und Weise, wie sie Inhalte gewichten.

Auf Facebook und Twitter konkurrieren traditionelle Publikationen mit einem neuen Typus von Medienanbietern, die sich gänzlich auf die Reichweite von Facebook spezialisiert haben; teilweise werden sie gar nur von Einzelpersonen betrieben. Bekannte amerikanische Beispiele sind Breitbart, US Uncut und Make America Great, die allesamt an den Rändern des politischen Spektrums zu verorten sind.

Die Facebook-Seiten dieser neuen Akteure profitieren vom Newsfeed-Algorithmus, der Inhalte belohnt, die viele Interaktionen wie Likes und Shares bei Nutzern hervorrufen. Mit polemischen Titeln wie „Niemand erzählt Ihnen die Wahrheit über den Muslim, der Donald Trump attackierte. Also machen wir es“ und ungeprüften Behauptungen heizen die Autoren die Stimmung rund um den diesjährigen Wahlkampf an.

Die provokante Mischung aus Aktivismus und vermeintlichem Journalismus bietet aufgrund der millionenfachen Reaktionen von Nutzern den idealen Mix für die Reichweiten-Formel von Facebook. Anders als etablierte Medienhäuser müssen sich die Autoren auch nicht die Mühe machen, eine eigene Website zu betreiben – Facebook bietet ihnen die nötige Plattform.

Beiträge von Qualitätsmedien wie der „Washington Post“ oder der „New York Times“ konkurrieren in diesem Nachrichtenstrom mit Videos von einzelnen politischen Aktivisten, die sich als Journalisten ausgeben. Die fehlende Ausgewogenheit dieses Medienangebots führt zu einem einseitigen Weltbild und schafft die sogenannte „Filterblase“.

Angesichts der zunehmenden Informationsflut stellen sich viele Nutzer massgeschneiderte Nachrichtenpakete zusammen, die ihre Weltanschauung täglich bestätigen, wie Professor Dr. Vincent Hendricks vom Center for Information and Bubble Studies in Kopenhagen in seinem jüngsten Buch beschreibt.

Von der zunehmenden Polarisierung im Netz profitiere vor allem Donald Trump, schreibt der Philosophieprofessor. Das journalistische Projekt Politifact hat eruiert, dass nur 15 Prozent von Trumps Aussagen wahr oder grösstenteils wahr sind. Seiner Popularität schadet das kaum. Die Meinungsbildung auf Social Media wird laut Hendricks immer mehr von Ideologie und weniger von Fakten getrieben. Die Narrative werden so lange verbreitet, bis sie eine Eigendynamik entwickeln.

Kritik an Manipulationen

Sind sich die Plattformbetreiber dieser Entwicklungen und ihrer Auswirkungen bewusst? Der Firmengründer von Facebook, Mark Zuckerberg, scheint einige Auswüchse erkannt zu haben und führte im letzten Jahr Korrekturen bei den Filtermechanismen ein. So wurde die in den USA verfügbare Medien-Sektion von Facebook – die Trending Topics – nicht von einer Software, sondern von einer eigenen Redaktion betreut.

Mit dem Vorgehen sabotierte Facebook ironischerweise seinen eigenen Newsfeed-Algorithmus, der vor allem extreme Meinungen und auch seichtere Inhalte begünstigte. Ziel dieser händischen Eingriffe war es, den Ruf als digitale Schleuder von Katzenvideos loszuwerden und, wie der Konkurrent Twitter, als Echtzeit-Medium ernst genommen zu werden. Doch diese Versuche zuhanden von mehr Relevanz und Neutralität stiessen auf Kritik.

Im Frühling veröffentlichte das Nachrichtenportal Gizmodo einen Bericht darüber, wie Facebook-Mitarbeiter die Trending Topics gezielt manipulierten, angeblich auf Anweisung von oben: Bei den wichtigsten Themen wurden stets Artikel der „Washington Post“ und der „New York Times“ gegenüber Berichten von republikanerfreundlichen Medien wie Fox News und der eingangs erwähnten Medien-Aktivisten bevorzugt. Die Enthüllung über diese vermeintliche Einflussnahme veranlasste Führungsfiguren der Grand Old Party dazu, einen offenen Brief an Facebook zu verfassen. Die Firmenzentrale dementierte jedoch die kolportierten Instruktionen gegenüber Mitarbeitern.

Dennoch reagierte das Unternehmen: Die Trending Topics werden seit einigen Wochen nicht mehr von Menschen, sondern von Algorithmen bewirtschaftet. Diese kennen aber nicht den Unterschied zwischen satirischen Beiträgen, Blogs und Qualitätsmedien – mit bizarren Folgen: Eine zunehmende Zahl von Falsch- und Scherzmeldungen wie der angebliche Rücktritt von Fox-Moderatorin Megyn Kelly figurierte in den vergangenen Wochen wieder unter den Hauptthemen auf Facebook.

Unter öffentlicher Beobachtung stehen im November auch die berühmten placierten Wahlaufrufe auf Facebook. Berichte darüber, dass Facebook mit einer speziellen Funktion auf seiner Plattform zugunsten der Demokraten experimentiert habe, liessen weitere Zweifel an der Neutralität des Marktführers aufkommen: Das Unternehmen testete in den Wahlkämpfen 2010 und 2012 im Rahmen einer Studie, wie das Wahlverhalten von Facebook-Nutzern über einen „I’m a voter“-Button beeinflusst werden könnte.

Der bei ausgewählten Facebook-Profilen eingeblendete „I’m a Voter“-Button könnte die Mobilisierung der Wähler 2012 mitbeeinflusst haben. (Bild: PD)

Griffen die Nutzer der Testgruppe auf diese Funktion zurück und indizierten damit, dass sie ihre Stimme abgegeben hatten, wurden ihre Freunde im Newsfeed darüber informiert. Das Ergebnis: Die politische Partizipation der Testgruppe, welcher der Button angezeigt wurde, lag höher als die der Kontrollgruppe. Wird die Funktion weiterhin nur selektiv angeboten, könnte das womöglich den Wahlausgang beeinflussen und massive Kritik vom politischen Verlierer hervorrufen.

Spielregeln der Suchmaschinen

Doch auch der weltgrösste Suchmaschinenbetreiber, Google, wird für fehlende Unabhängigkeit kritisiert: Die von den Demokraten genutzte Datenbank Groundwork wurde vom Geschäftsführer von Alphabet, Eric Schmidt, mit dem erklärten Ziel aufgebaut, Hillary Clinton zur Präsidentschaft zu verhelfen. Zudem haben Forscher der Arizona State University im Mai bei einem Test mit allen sechzehn Präsidentschaftskandidaten herausgefunden, dass die Suchmaschine Demokraten stets in ein positives Licht rückt. Bei den Republikanern wurden tendenziell negative Medienberichte angezeigt.

Doch einmal mehr sind es die Algorithmen, die die Diskrepanzen zwischen den Parteien erzeugen. Die Wahlkampfteams um Clinton und Sanders nutzen schlichtweg die Mechanismen der Suchmaschinen besser: Die ersten Resultate bei der Suche zu einer öffentlichen Person setzen sich stets aus deren Social-Media-Aktivitäten zusammen – und auf diesem Gebiet sind die Demokraten bekanntlich aktiver und versierter als die Republikaner.

Sosehr Algorithmen also bei der Selektion relevanter Informationen unterstützen, sie bergen politische Implikationen, die auch über die Präsidentenwahl hinaus zu diskutieren geben.