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US-Präsidentenwahl

Trumps Hetzjagd gegen Muslime

von Alexandra Rojkov / 30.09.2016

Donald Trump fordert, Muslime zu registrieren oder sie nicht mehr einreisen zu lassen. Damit entfacht er eine öffentliche Hetze gegen die einheimischen Muslime – selbst gegen die Kleinsten.

Der Islam-Unterricht beginnt mit Nuss-Brownies und Apfel-Zimt-Kuchen. Morgendlicher Kaffeeduft zieht durch den Raum. Doch Moina Schaik will nicht frühstücken, sondern reden. Über den Islam. Über sich. Es ist ein Sonntagmorgen in San Jose, der drittgrössten Stadt Kaliforniens, südlich von San Francisco im Silicon Valley gelegen. Der Unterricht findet in einer verkehrsberuhigten Strasse in einem flachen Einfamilienhaus mit Garten statt. Schaik nimmt draussen am Tisch Platz, ihre Schüler gesellen sich dazu. Die Terrasse füllt sich mit Kuchentellern und dampfenden Kaffeetassen. „Kann es losgehen?“, fragt Schaik lächelnd.

Eine vieldiskutierte Minderheit

Schaik will ihren Mitbürgern die Ängste vor dem Islam nehmen.
Credits: Alexandra Rojkov
Moina Schaik – Kopftuch, weite Bluse, weiches Lächeln – ist keine gewöhnliche Islam-Lehrerin. Und ihre Schüler sind keine gewöhnlichen Schüler. Sie sind nicht einmal Muslime, sondern amerikanische Ingenieure, Sozialarbeiter, Unternehmer. Sie sind an diesem Morgen nach San Jose gekommen, um etwas über den Islam zu lernen. Die 56-jährige Schaik ist die erste Muslimin, die die Zuhörer in ihrem Leben treffen.

Gut drei Millionen Muslime leben in den Vereinigten Staaten, das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung. Muslime sind zwar eine kleine Minderheit im Land, aber eine vieldiskutierte, vor allem in jüngster Zeit. In den vergangenen Monaten haben mehrere islamistische Anschläge das Land erschüttert: Im Dezember 2015 erschoss ein muslimisches Ehepaar in einer Behinderteneinrichtung in Südkalifornien 14 Menschen. Mitte Juni tötete ein Muslim in einem Schwulenklub in Orlando 49 Personen. Obwohl die Hintergründe nicht abschliessend geklärt sind, sprechen amerikanische Behörden in beiden Fällen von Terrorismus.

Seit den Anschlägen fragen sich viele Amerikaner: Ist der Islam gefährlich? Können wir den Muslimen in Amerika trauen? Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump schürt dieses Misstrauen: Er fordert ein Einreiseverbot für ausländische Muslime und eine Registrierungspflicht für diejenigen, die schon in den Vereinigten Staaten leben.

Moina Schaik will den Amerikanern erklären, dass der Islam eben nicht das ist, als was Trump ihn darstellt. Die Lehre des Islam habe fünf Säulen, erklärt sie am Gartentisch in San Jose. Jeder Muslim sei verpflichtet, das Glaubensbekenntnis zu sprechen, fünfmal täglich zu beten, am Ramadan zu fasten und einmal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern; und eine Spende an die Armen sei Pflicht im Islam. „Diese Säulen sind wie die Beine dieses Tisches“, sagt Schaik. „Auf ihnen steht unser Glaube.“ Die Zuhörer nicken mit ernstem Blick. Die Männer tragen Poloshirts und Sportschuhe, die Frauen weisse Blusen und gedecktes Make-up. An diesem Tisch sitzt die amerikanische Mittelschicht, die zwar nichts über den Islam weiss, aber ihn dennoch fürchtet. Schaik spürt das, wenn sie spazieren geht oder im Supermarkt an der Kasse steht. „Ich sehe in ihren Gesichtern, dass die Menschen Angst vor mir haben“, sagt Schaik, die pakistanische Wurzeln hat. Ein Graben aus Furcht trenne sie seit einiger Zeit von ihren amerikanischen Landsleuten.

Um diesen Graben wieder zuzuschütten, gründete Schaik vergangenes Jahr das Projekt „Meet a Muslim“. Die Idee: eine Veranstaltung, bei der Muslime Fragen zum Islam beantworten. Es gibt keine Anmeldung, kein Programm, keine Tabus. Als Schaik im Januar 2016 die erste Veranstaltung in San Francisco organisierte, kamen mehr als 100 Zuhörer. Seitdem beantwortet sie regelmässig die Islam-Fragen ihrer Landsleute. Das Treffen in San Jose findet im Haus einer Yoga-Lehrerin statt, die über Facebook von Schaiks Konzept erfuhr und sogleich bei sich zu Hause ein „Meet a Muslim“ ausrichten wollte.

„Gibt es etwas, das ihr über den Islam wissen wollt?“, fragt Schaik nach ihrer Einführung. Die Zuhörer schweigen verlegen. „Habt keine Angst, dass ihr mich beleidigen könntet“, ermutigt Schaik. Nach und nach trauen sich die Gäste. „Werdet ihr gezwungen, das Kopftuch zu tragen?“, fragt ein Rentner mit Nickelbrille. „Warum muss der Gebetsruf immer so laut sein?“, will eine ergraute Dame wissen. „Hat der Islamische Staat etwas mit dem Islam zu tun?“, erkundigt sich ein Herr mit Glatze.

Islamophobie ist salonfähig

Schaik lächelt. Sie hat diese Fragen schon sehr oft gehört. Der sogenannte Islamische Staat ist ein Thema, das viele Amerikaner bewegt. Die Sorge vor weiteren Terroranschlägen ist gross. „Der Islam hasst uns“, sagt Trump. Viele seiner Anhänger glauben ihm. Trump, sagen viele Muslime, habe Islamophobie salonfähig gemacht. Frauen, die Kopftuch tragen, erzählen, dass ihnen neuerdings „Terrorist“ nachgerufen werde. Muslimische Gemeinden erhalten Drohungen. Im August wurden ein Imam und sein Assistent in New York auf offener Strasse erschossen. Besonders schlimm treffen Trumps Worte aber jene, die es am wenigsten verdient haben: die Kinder.

Wie sehr, lässt sich bei einem Besuch nahe Los Angeles beobachten. Heute steht im „Camp Izza“ Sport auf dem Programm. Am Morgen haben die Kinder Weitsprung geübt, nun ist Weitwurf dran. 70 Kinder zwischen 4 und 16 Jahren werden hier in den Ferien betreut. Trotzdem ist das „Camp Izza“, das eine Autostunde entfernt von Los Angeles stattfindet, kein gewöhnliches Ferienlager: Alle Kinde hier sind Muslime.

Wenn Trumps Reden im Fernsehen übertragen werden, hören nicht nur potenzielle Wähler zu, sondern auch ihre Kinder. Und die plappern in der Schule nach, was sie aufschnappen: dass Muslime gefährlich sind und die Amerikaner nicht mögen. Dass der Islam bald aus Amerika verbannt wird. Viele Kinder, erzählen die Betreuer des Ferienlagers, würden in der Schule gehänselt, weil sie Muslime sind. Viele hätten Angst davor, was passieren könnte, wenn Trump die Präsidentenwahl gewinnt. „Die Kids reden von nichts anderem als davon, dass Trump sie rausschmeissen möchte“, erzählt eine Betreuerin. Selbst die Kleinsten hätten mitbekommen, dass dieser Mann sie nicht mehr im Land haben will.

So wie Jasan. Der 12-Jährige ist klein für sein Alter und ein wenig pummelig. Während die anderen Kinder spielen, sitzt er in der Ecke und liest in seinem Harry-Potter-Buch. Früher wurde Jasan gemobbt, weil er langsamer lernte als die anderen Kinder. Seit einiger Zeit wird er vor allem beschimpft, weil er Muslim ist. „Die Kinder in der Schule nennen mich Terrorist“, sagt Jasan. „Und immer wenn sie das sagen, fühle ich mich furchtbar.“ Jasan kam als syrischer Flüchtling mit seiner Familie in die USA. Verhindern kann das „Camp Izza“ solche Vorfälle natürlich nicht. „Aber wir können versuchen, die Kinder aufzubauen“, sagt Abdurahman Kweider. Der 22-Jährige ist der diesjährige Leiter des Ferienlagers. Alle Betreuer seien darauf geschult, das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. „Die meisten sind an ihrer Schule die einzigen Muslime“, sagt Kweider. „Hier erfahren sie, dass sie nicht alleine sind. Und dass ihre Identität etwas Wertvolles ist.“

Kweider leitet ein Feriencamp für muslimische Kinder. Viele würden gemobbt.
Credits: Alexandra Rojkov

„Izza“ bedeutet auf Arabisch „Stolz“. Laut der Camp-Leitung stammen die meisten Kinder aus gutsituierten Familien: Ärzte, Anwälte, Unternehmer haben ihren Nachwuchs im muslimischen Ferienlager angemeldet. Die Kinder haben syrische und irakische Wurzeln, pakistanische und ägyptische Eltern. Einige seien beruflich in den USA, andere hätten die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie alle wollten, dass ihre Kinder die Ferien an einem sicheren Ort verbrächten – und sich nicht als Aussenseiter fühlten. Um Religion geht es in dem Camp nur am Rande. „Wir haben einmal versucht, Koranunterricht anzubieten“, erzählt Kweider. „Aber für die meisten Kinder war das, als müssten sie Hausaufgaben machen. Da haben wir es wieder abgeschafft.“

Umfragen unter amerikanischen Muslimen zeigen allerdings, dass die Mehrheit religiös und eher konservativ eingestellt ist. Viele Muslime lehnen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehen eher ab. Traditionell vertreten sie damit Werte, für die sich die Republikanische Partei einsetzt. Doch mit Trump als Kandidaten sind die Republikaner in diesem Wahljahr für viele Muslime unwählbar geworden. Die überwältigende Mehrheit dieser Gruppe, das legen Statistiken nahe, will im November für Hillary Clinton stimmen.

Doch es gibt auch Muslime, die Trump unterstützen – so wie Saba Ahmed. Die 31-Jährige lebt in Washington. Das Interview mit ihr findet über Skype statt, sie trägt Kopftuch und Nasenpiercing, dazu weite Gewänder. Ahmed ist Gründerin der Republican Muslim Coalition, einer Organisation, die versucht, Muslime in die Republikanische Partei einzubinden. Gleichzeitig ruft sie in Interviews und sozialen Netzwerken dazu auf, im November für Trump zu stimmen. Ahmed kam als Teenager mit ihren Eltern aus Pakistan in die USA. Sie lernte die Sprache, studierte Jura. Heute arbeitet sie als Anwältin für das amerikanische Patentamt. „Ich hatte in Amerika Möglichkeiten, die ich in Pakistan niemals bekommen hätte“, sagt Ahmed. „Ich bin stolz auf dieses Land.“ Diesem Gefühl wolle sie mit ihrer Wahl Ausdruck geben, ebenso wie den konservativen Werten, für die sie als Muslimin stehe. Stört es sie nicht, für eine Partei zu stimmen, deren Kandidat Muslime rassistisch beschimpft? „Doch“, sagt Ahmed. „Aber als Juristin weiss ich, dass Trump vieles niemals durchsetzen wird.“ Und Clinton, meint Ahmed, würde den Muslimen mehr schaden als Trump.

„Der Hass wird bleiben“

Diese Ansicht teilt Moina Schaik nicht. Sie will im Herbst für Clinton stimmen. „Ein politisches Oberhaupt sollte Menschen zusammenbringen. Trump tut das Gegenteil“, sagt sie nach dem Treffen in San Jose. Schaik ist müde, mehr als zwei Stunden lang hat sie Fragen beantwortet, hat erklärt, dass jedes Attentat sie so schmerze wie jeden anderen Amerikaner, dass sie das Kopftuch aus freiem Willen trage, weil es ein Teil ihrer Identität sei. Schaik weiss, dass sie nicht allen Zuhörern die Angst vor dem Islam nehmen kann. „Einige wollen meine Antworten gar nicht hören, sondern mich nur in die Enge treiben.“ Manchmal, sagt Schaik, frage sie sich, wie es dazu kommen konnte, dass ihr Land, in dem sie seit Jahrzehnten lebt, Menschen wie sie plötzlich mit Argwohn betrachtet. Sie ahnt, dass das Gefühl, fremd in Amerika zu sein, nicht mehr verschwinden wird. „Selbst wenn Trump im November nicht gewinnt: Der Hass, den er entfesselt hat, wird nicht mehr weggehen.“