Jonathan Ernst / Reuters

Aggressive Debatte der Stellvertreter

von Beat Ammann / 05.10.2016

Das TV-Duell zwischen den Vizepräsidentschaftskandidaten Kaine und Pence hat bestätigt, dass es zwischen den beiden Lagern keine Berührungspunkte gibt. Beide griffen hart an, ohne selbst Boden preiszugeben.

Tim Kaine und Mike Pence sind am Dienstagabend zur einzigen TV-Debatte der amerikanischen Vizepräsidentschaftskandidaten angetreten. Donald Trumps „running mate“ Pence und Kaine, der Hillary Clintons Vizepräsident werden soll, sind zwar sowohl legislativ als auch exekutiv erfahrene Politiker, ausserhalb ihrer Heimatstaaten kennt sie aber kaum jemand.

Aggressiver Kaine

Das Team Clinton/Kaine liegt in den Umfragen weiterhin vorne, mit einem wieder etwas grösseren Abstand, nachdem die Präsidentschaftskandidaten vor einer Woche erstmals selbst debattiert hatten. Trump kam nach verbreiteter Einschätzung schlechter weg als seine Gegnerin.

Ein Unterschied zwischen der Debatte der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten und jener ihrer Chefs lag in der Höflichkeit, mit der die beiden einander begegneten, zumindest am Anfang. Beide benutzten dann praktisch jede Frage dazu, um ihre Vorgesetzten über den grünen Klee zu loben und den jeweils anderen scharf zu kritisieren.

Kaine zeigte sich bei der Debatte an der Longwood University in Virginia aggressiver als Pence und unterbrach diesen ständig. Pence liess sich dies überraschend oft gefallen, wobei er eine leicht gequälte Miene aufsetzte, als rede ein unartiges Kind in einer Runde von Erwachsenen dazwischen.

Wandel gegen mehr Obama

Pence zielte systematisch darauf, sich und Trump als die Verkörperung von Wandel darzustellen, während Clinton und Kaine mehr des gescheiterten Gleichen verhiessen – angeblich mehr Politik im Stil Obama: höhere Steuern, mehr Regulierungen und staatliche Eingriffe, was das Wirtschaftswachstum hemme. Trump hingegen werde dieses entfesseln.

Zudem hob Pence hervor, dass Trump im Gegensatz zu Kaine und Clinton kein Politiker sei, sondern ein Geschäftsmann. Als solcher habe er die legalen Mittel ausgenutzt, um so wenige Steuern wie möglich zu bezahlen. Das sei, was Geschäftsleute täten – womit er gewiss recht hatte.

Pence lächelt

Pence ist ein sozial sehr konservativer Mann. Er sagt immer wieder von sich, er sei Christ, ein Konservativer und ein Republikaner – in dieser Reihenfolge. Zwar ist er daher eine gute Ergänzung zum ideologisch unsteten Trump, aber auch eine unverträglich erscheinende Paarung, denn Trump ist zweifellos kein Konservativer im Sinne von Pence. Kaine hielt ihm dies auch vor und zählte all die Aburteilungen und Verleumdungen auf, die Trump von sich gegeben hat. Pence stieg auf diese Vorgabe allerdings nicht ein – mit guten Grund, denn das ist ein Widerspruch, den der Gouverneur von Indiana nicht auflösen kann.

Pence zog sich oft auf ein Lächeln zurück, ehe er zum Gegenangriff überging: Was Trump gesagt habe – falls er es denn gesagt habe –, sei unbedeutend im Vergleich zur Aussage von Hillary Clinton, die Hälfte der Anhängerschaft von Trump gehöre in den Korb der Erbärmlichen.

Gute Stellvertreter

Kaine war sehr gut vorbereitet und stets in der Lage, eine zum jeweiligen Thema passende Aufzählung von Trumps rhetorischen Ausritten und Fehltritten herunter zu rasseln. Pence wies dies stets zurück, meist nur mit Gesten und Gesichtsausdrücken, doch versuchte er nie, die vorgehaltenen Zitate zu rechtfertigen. Er liess sich nur ein Mal provozieren, ganz am Ende der Begegnung. Trump sei eben kein geschliffener Politiker, daher habe er – irrtümlich – gesagt, Frauen, die abtreiben, sollten bestraft werden. Trump hatte sich kurz danach korrigiert.

Oft bestritt Pence allerdings die Authentizität von Zitaten seines Chefs, obwohl diese unbestreitbar dokumentiert sind. Trump pflegt seine Aussagen oft genug zu wiederholen. Pence setzte sich allerdings klar von Trump ab, was seine Position gegenüber Russland betrifft. Er teilt die merkwürdige Männerliebe eindeutig nicht, die Trump Putin entgegenbringt.

Die Debatte brachte somit wenig Neues. Beide Männer erwiesen sich als gute Stellvertreter. Es ist unwahrscheinlich, dass sie – 34 Tage vor dem Wahltag – viele Zuschauer zu einem Meinungsumschwung zu bewegen vermochten.