Keystone/Patrick Semansky

US-Präsidentschaftswahlkampf

Ein Schlüsselmoment für Trump und Clinton

von Marie-Astrid Langer / 26.09.2016

100 Millionen Zuschauer dürften am Montagabend den ersten Schlagabtausch zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgen. Worauf sollten Zuschauer besonders achten?

Viele Amerikaner sind derzeit noch unschlüssig, welchem Präsidentschaftskandidaten sie am 8. November ihre Stimme geben werden. Diese Wähler für sich zu gewinnen, wird eines der Hauptanliegen von Hillary Clinton und Donald Trump bei der ersten von drei Fernsehdebatten sein. Sie findet am Montagabend um 21 Uhr Ortszeit in der Hofstra University auf Long Island bei New York statt und dauert 90 Minuten.

1. Wird Trump staatsmännisch auftreten?

Donald Trump muss die Zuschauer am Montagabend davon überzeugen, dass er kein Hitzkopf ist, wie seine Kritiker behaupten, sondern dass er tatsächlich für das amerikanische Präsidentenamt geeignet ist. Es wird spannend sein zu sehen, ob er sich tatsächlich „präsidentiell“ geben kann, wie es seine Berater immer wieder verlangt haben – oder ob er sich von Clinton provozieren lässt und vor laufenden Kameras ausrastet. Das wiederum würde der Demokratin in die Hände spielen, die ihn gerne als „temperamentally unfit to be president“ darstellt.

Trump verfügt am Montag aber über einen wichtigen Vorteil: Dank seiner Reality-TV-Sendung „The Apprentice“ ist er sehr Kamera-erfahren und weiss, wie man im Fernsehen positiv wirkt. Das bewies er bereits in den TV-Debatten der republikanischen Vorwahlen, in denen ihn seine Konkurrenten wegen seiner pointierten Aussagen und prägnanter Spitznamen wie „little Marco“ oder „low energy Jeb“ fürchteten.

2. Kann Clinton die Wähler überzeugen, für sie und nicht gegen Trump zu stimmen?

Clinton wiederum gilt als wenig charismatische Rednerin; in der Vergangenheit hat sie über sich selbst gesagt, dass sie „keine geborene Politikerin“ sei. Am Montagabend hat sie nun die Chance, ihre Sympathien bei den Wählern zu steigern – bisher sind ihre „Likeability“-Werte in Umfragen nämlich miserabel.

Für viele Wähler ist Trump unwählbar – doch statt Clinton wollen sie Drittkandidaten wie Gary Johnson wählen, der derzeit auf gut sieben Prozent der Stimmen kommt. Clinton, die seit Jahrzehnten auf der politischen Bühne steht, muss der Öffentlichkeit am Montag erklären, warum sie von allen zur Wahl stehenden Kandidaten die beste Option ist – und warum es im Jahr 2016 nichts Schlechtes ist, zum „Establishment“ zu gehören. Die Wahlempfehlung der „New York Times“ vom Wochenende könnte ihr dabei womöglich helfen.

Spannend wird auch sein zu beobachten, ob es sich für Clinton positiv auswirken wird, dass mit ihr erstmals eine Frau in einem solchen Fernsehduell antritt.

3. Wie meistern die Kandidaten den Zweikampf?

In diesem Punkt ist Clinton klar im Vorteil: Sie lieferte sich bei den demokratischen Vorwahlen 2008 mehrere Rededuelle mit Barack Obama und dieses Jahr mit Bernie Sanders. Zudem musste sie als Politikerin wiederholt unter grossem Druck Rede und Antwort stehen, etwa in ihrer elfstündigen Vernehmung vor dem Kongress zur Affäre Benghasi.

Trump hingegen konnte sich in den republikanischen Vorwahlen hinter seinen Konkurrenten verstecken, wenn er zu einem Thema nichts zu sagen hatte. Er debattierte jedes Mal mit mindestens drei weiteren Kandidaten, was seine Redezeit auf bisher maximal 30 Minuten beschränkt hat, wie die „New York Times“ untersucht hat. In der 90-minütigen Debatte mit Clinton wird seine Redezeit hingegen bei voraussichtlich 45 Minuten liegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es bei dem Fernsehduell am Montag keine Werbepausen gibt, die den Kandidaten eine Pause bieten würden.

4. Welche Vorhaben planen die beiden Kandidaten?

Inhaltlich werden drei Themen die erste Debatte am Montag dominieren: Sicherheit, Wohlstand und Amerikas Richtung. Wie in vielen Fragen unterscheiden sich die programmatischen Vorhaben der zwei Kandidaten hier fundamental. Trump und Clinton werden ihre Pläne präsentieren, was vor allem bei Trump spannend zu verfolgen sein wird, da er bisher wenig Konkretes vorgestellt hat.

An dieser Stelle wäre es am Moderator, Trump auf den Zahn zu fühlen und gegebenenfalls nachzuhaken. Clinton hingegen kann inhaltlich aus dem vollen schöpfen, für fast jedes Thema präsentiert sie auf ihrer Website ein „policy proposal“. Ob sie damit die Zuschauer überzeugen kann, ist jedoch eine andere Frage.

5. Wie wirkt sich die TV-Debatte auf die Umfragen aus?

In landesweiten Umfragen führt Clinton derzeit vor Trump mit zwei Prozentpunkten. Doch wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf eine eigene Umfrage schreibt, warten rund 34 Prozent Wähler gespannt auf die Fernsehdebatte, um sich zu entscheiden, für welchen Kandidaten sie stimmen werden.

Dass das Fernsehduell einen signifikanten Einfluss aus das Wahlergebnis haben kann, zeigte sich etwa bei der ersten Debatte 1960, als Kennedy seinen Kontrahenten Nixon deutlich in den Schatten stellte. Doch bei den jüngeren Präsidentenwahlen hatten die Fernsehdebatten keinen derart eindeutigen Einfluss mehr: Der Anteil der Wähler, die sagten, dass die Fernsehduelle wichtig für ihre Entscheidungsfindung waren, betrug 2012 noch 38 Prozent, im Jahr 2004 31 Prozent und im Jahr 2000 36 Prozent.

6. Quoten, Quoten, Quoten

Laut Experten könnte die Debatte am Montagabend 100 Millionen Zuschauer allein in den USA anziehen. Neben den klassischen Fernsehsendern übertragen auch die sozialen Medien wie Facebook die Debatte live; selbst in der Schweiz kann man die Veranstaltung auf SRF am frühen Dienstagmorgen verfolgen. Das bisher quotenreichste TV-Duell im amerikanischen Wahlkampf war das zwischen Nixon und Kennedy im Jahr 1960, das mehr als 80 Millionen Zuschauer sahen. Wird dieser Rekord nun gebrochen?