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Weiße Wähler

Weshalb Hillary Clinton weiter verliert

von Andreas Rüesch / 11.05.2016

Seit März gilt Hillary Clinton als mutmaßliche Kandidatin der Demokraten für die Nachfolge Präsident Obamas. Doch in den Vorwahlen steckt sie eine Niederlage nach der anderen ein. Eine Analyse zeigt: Weiße stimmen eher für ihren Gegner Bernie Sanders.

Während sich bei den amerikanischen Republikanern Donald Trump durchgesetzt hat, geht der Vorwahl-Marathon für Hillary Clinton weiter. Einmal mehr musste die Demokratin am Dienstag einen Rückschlag hinnehmen: Bei den Primaries im Teilstaat West Virginia unterlag sie gegen ihren innerparteilichen Rivalen Bernie Sanders mit 36 zu 51 Prozent deutlich. Vor einer Woche hatte sie bereits in Indiana eine Niederlage eingesteckt.

Keine einhellige Freude

Clintons Chancen auf die Präsidentschaftsnomination werden dadurch nicht empfindlich geschmälert. Aber die Resultate zeigen, dass es in der Demokratischen Partei weiterhin starke Vorbehalte gegenüber der früheren First Lady und Außenministerin gibt. Wie ist es möglich, dass Bernie Sanders weiterhin Siege erringt, obwohl er landesweit längst auf verlorenem Posten kämpft?

Der Kandidat Bernie Sanders
Credits: Reuters

Anders, als es auf den ersten Blick den Anschein macht, nehmen die Sympathien für Clinton beziehungsweise Sanders nicht dynamisch zu und ab. Die beiden Präsidentschaftsbewerber konnten in den vergangenen Monaten vielmehr auf einen stabilen Rückhalt in den für sie entscheidenden Wählerschichten zählen. Je nach Zusammensetzung der Bevölkerung in einem bestimmten Teilstaat vermögen dann jeweils entweder Clinton oder Sanders ihre Stärken auszuspielen.

Die weiße Trumpfkarte

Dabei zeigt sich eines immer deutlicher: Sanders gewinnt fast immer dort, wo die Weißen einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Bevölkerung stellen. Von den zehn „weißesten“ Staaten der USA, die bereits Vorwahlen abgehalten haben, gewann er in neun Fällen. Wie die Grafik zeigt, war die einzige Ausnahme Iowa. In den dortigen Caucuses hatte Clinton allerdings nur mit einem hauchdünnen Vorsprung von 3 Promillepunkten den Sieg davongetragen.


So ist der Sieg in West Virginia vom Dienstag keine Überraschung. Mit 93 Prozent Weißen zählt dieser kriselnde Staat in den Appalachen zu den Regionen mit einem äußerst geringen Anteil ethnischer Minderheiten. Dass Clinton keine Unterstützung für die Kohleindustrie West Virginias geäußert hat und dort mit der höchst unbeliebten Umweltpolitik Präsident Obamas in Verbindung gebracht wird, dürfte das Ausmaß ihrer Niederlage noch verstärkt haben.

Umgekehrt triumphiert Hillary Clinton überall dort, wo viele Nichtweiße leben, vor allem Schwarze und Latinos. Von den zehn Staaten mit dem größten Anteil von Afroamerikanern gewann sie ohne Ausnahme alle. Kein anderes demografisches Merkmal vermag das unterschiedliche Abschneiden der beiden Politiker in den Vorwahlen ähnlich zu erklären wie der Bevölkerungsanteil der Weißen.

Beispielsweise wird oft – und zu recht – auf den Rückhalt Hillary Clintons bei älteren Wählern hingewiesen. Aber Bernie Sanders hat sich auch in diversen Staaten mit überdurchschnittlich „grauer“ Bevölkerung gut geschlagen. So gewann er die Vorwahlen in Maine, West Virginia, Vermont, Hawaii und Rhode Island – und damit in der Hälfte der zehn amerikanischen Teilstaaten mit den meisten Pensionierten.

Mit Obama assoziiert

Doch wie ist es zu erklären, dass Sanders bei ethnischen Minderheiten so schlecht, bei Weißen hingegen zu erfolgreich abschneidet? Dass er selber aus einem fast ausschließlich von Weißen bewohnten Staat (Vermont) kommt, befriedigt als Erklärung nur halbwegs. Eine mögliche These ist, dass Hillary Clinton mit dem schwarzen Präsidenten Obama und dessen minderheitenfreundlichen Politik assoziiert wird und so auf indirekte Weise die Sympathien vieler Afroamerikaner und Latinos gewonnen hat.

Für definitive Antworten wird es genauere Analysen brauchen. Sicher ist, dass es keine grundsätzliche Aversion weißer Wähler gegen Hillary Clinton gibt. Denn noch vor acht Jahren war die damalige Senatorin in ihrem Vorwahlkampf gegen Barack Obama – ganz ähnlich wie nun Bernie Sanders – die Favoritin der weißen Demokraten, während Obama dank seines überragenden Rückhalts bei den Schwarzen das Rennen für sich entscheiden konnte.

Zudem wäre es falsch, die schwarzen Wähler als monolithischen Block darzustellen. So hat Sanders bei jungen Afroamerikanern und bei Afroamerikanern im Norden des Landes besser als bei älteren Afroamerikanern oder solchen aus dem Süden abgeschnitten. Es spielen somit auch altersmäßige und regionale Faktoren eine Rolle.

Entscheidung im Juni

Das stabile Wahlverhalten der demokratischen Basis lässt gewisse Prognosen zu: So hat Sanders gute Chancen, nächste Woche zwei weitere Siege einzufahren. Denn auch Kentucky und Oregon zählen zu den Staaten mit einem hohen Anteil weißer Wähler.


Hier gehts zum Stand der Delegierten-Verteilung auf NZZ.ch.


So lange Sanders weiter siegt, spürt er keinen Zwang zum Aufgeben. Doch worauf es ankommt, ist nicht die Zahl der gewonnenen Vorwahlen, sondern die Endabrechnung bei den Delegierten für den nationalen Parteitag. Mit Blick auf die „delegiertenreichen“ Staaten New Jersey und Kalifornien, die beide ethnisch überaus stark gemischt sind, kann Clinton mit einem durchschlagenden Erfolg in den Vorwahlen am 7. Juni rechnen. Denn ihr Rückhalt bei den nichtweißen Wählern ist letztlich ihre entscheidende Stärke: Das Gesicht der Demokratischen Partei wird längst maßgeblich von den nichtweißen Minderheiten geprägt.