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Ausländisches Kapital fehlt

Albaniens Wirtschaft: Wilde Vergangenheit und wacklige Hoffnungen

von Giannis Mavris / 11.01.2017

Seit dem Sturz der Kommunisten in Albanien sind rund 25 Jahre vergangen. Seither hat sich das Land stetig entwickelt. Was fehlt, ist ausländisches Kapital – aus offenkundigen Gründen.

„Dieses Feld ist ein Traum“, schwärmt Robert Carss und setzt zur Erklärung an: „Während in anderen Feldern etwa drei erdölführende Schichten angezapft werden können, sind es hier in Patos-Marinza fünfundzwanzig. Das erlaubt eine Konzentration der Bohrungen auf eine relativ kleine Fläche, was die Arbeit vereinfacht.“ Carss ist Geologe und stellvertretender Generaldirektor von Bankers Petroleum in Albanien. Die kanadische Firma ist seit 2004 in Patos aktiv, einer Kleinstadt hundert Kilometer südlich von Tirana. Daneben betreibt die Firma noch zwei weitere Felder in Albanien und eines in Ungarn. Die Reserven von Patos-Marinza werden auf 202 Mio. Fass Schweröl geschätzt; damit ist es das grösste On-Shore-Ölfeld in Europa.

Für die Bewohner der umliegenden Dörfer war die Erdölförderung bis zur Ankunft des kanadischen Unternehmens ein Albtraum. Auf Fotografien aus den 1990er und frühen 2000er Jahren zeigt sich ein apokalyptisches Bild einer in Öllachen und Rauch ertränkten Gegend, durchlöchert von Hunderten metallischer Türme. „Man kann sich kaum vorstellen, wie das hier ausgesehen hat“, sagt Carss, „zum Teil standen Bohrtürme in Gärten, gleich neben den Häusern.“ Die Bohrungen während der kommunistischen Herrschaft erfolgten mit primitivem Gerät und hinterliessen massive Umweltverschmutzungen. Der Zusammenbruch des Regimes und die stürmischen 1990er Jahre führten zu einer Vernachlässigung der industriellen Produktion im ganzen Land. Für die Gegend um Patos hatte dies katastrophale Auswirkungen, da Erdöl teilweise unkontrolliert ausfloss und Anwohner die Anlagen auf der Suche nach verwertbarem Material plünderten.

„In den umliegenden Gemeinden leben rund 35 000 Menschen. Als wir hier starteten, herrschten übelste hygienische Bedingungen“, sagt Carss. Bevor Bankers mit dem Drillen starten konnte, mussten zuerst grosse Flächen gereinigt werden. Dazu kam die praktisch inexistente Infrastruktur: Strassen, Kanalisation und Elektrizitätsversorgung mussten von Grund auf errichtet werden. Mittlerweile sieht es in der Ebene, in der durchgehend Landwirtschaft betrieben wurde, besser aus. Jedoch ist immer noch ein Teil des Bodens verschmutzt, grösstenteils jener, der in Staatsbesitz ist. Und die Krebsraten in der Gegend sind höher als im übrigen Land.

Unklare Eigentumsverhältnisse

Der zeitweise Niedergang der Erdölproduktion steht stellvertretend für die Wirtschaft Albaniens. Als 1992 der Übergang zur Demokratie vergleichsweise glimpflich stattfand, blickte das Land zurück auf über fünfzig Jahre kommunistische Herrschaft, die punkto Isolationismus ihresgleichen suchte. Der Bruch mit China 1978, dem letzten Verbündeten und Quelle bitter benötigter Wirtschaftshilfe, leitete den endgültigen wirtschaftlichen Niedergang und die Verarmung der Bevölkerung ein. Die unter dem langjährigen Diktator Enver Hoxha vorangetriebene Industrialisierung brach ein. Ausser Landwirtschaft und einigen ebenso grössenwahnsinnigen wie paranoiden Wehrbauten hatte das abgehängte Land im Westbalkan nicht mehr viel zu bieten.

Entsprechend schwierig gestaltete sich der Transformationsprozess. Die Reformierung der ehemaligen Planwirtschaft, in deren Zuge auch der Erdölsektor privatisiert wurde, kam nur schleppend voran. Dabei ging es teilweise um grundlegende Probleme, die bis heute nicht ganz gelöst sind: So hat Albanien noch immer kein vollständiges Katasterwesen, da Menschen ehemaligen staatlichen Grundbesitz einfach besetzten und bis heute Streitigkeiten um Land fortbestehen. Das Scheitern der Transformation wurde beim sogenannten Lotterieaufstand von 1997 sichtbar, als nach dem Zusammenbruch von betrügerischen Pyramidensystemen ein grosser Teil der Bevölkerung die Ersparnisse verlor und das Land vorübergehend in Anarchie abglitt.

Rückkehr der Auswanderer

Seither hat sich viel verändert. Trotz anhaltenden politischen Krisen, die vom unerbittlichen Antagonismus der zwei dominierenden Parteien – den Sozialisten und den Demokraten – angefeuert werden, fand in den 2000er Jahren ein starker Wirtschaftsaufschwung statt. Der Dienstleistungssektor avancierte zum wichtigsten Wirtschaftszweig, was das zuvor agrarisch geprägte Land umpflügte. Mit dem Wachstum einher gingen aber auch negative Begleiterscheinungen wie eine massive Umweltverschmutzung und die Landschaftsverschandelung in Form einer unkontrollierten Bautätigkeit. Dazu kommt die ungebremste Landflucht: Mittlerweile lebt über die Hälfte der Bevölkerung in Städten, vor allem in Tirana. Zusammen mit der in der Nähe liegenden Hafenstadt Durrës bildet die Kapitale den Wirtschaftsmotor des Landes.

Spätestens ab 2009 machte sich die Finanzkrise aber auch in Albanien bemerkbar. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Griechenland und Italien erwies sich als fatal: Exporte sanken ebenso wie ausländische Investitionen, aber auch Rücküberweisungen aus der Diaspora nahmen ab (siehe Zusatztext). Manche mussten sogar nach Albanien zurückkehren, etwa der 23-jährige Teodor Banushi. Seine Eltern emigrierten in den frühen 1990er Jahren nach Athen, wo er geboren wurde und die Schule besuchte. Doch die Krise in Griechenland traf auch sie: „Als Ausländer hat es uns noch schlimmer erwischt. Plötzlich lösten sich viele Jahre Arbeit in Luft auf.“

Vor vier Jahren kehrte die Familie zurück nach Tirana, wo sie heute ein kleines Restaurant betreibt. Neben seinem Touristik-Studium kellnert Banushi jeden Tag im Geschäft der Eltern. Seit zwei Jahren laufe es aber schlecht, die Wirtschaftskrise habe sie erneut getroffen. Nach Abschluss seines Bachelorstudiums nächstes Jahr will Banushi auswandern: „Ich sehe hier keine Zukunft.“ Am liebsten ginge er zurück nach Griechenland, aber das komme nicht infrage. Er überlegt sich, nach Kanada zu gehen, wo er Bekannte hat. Der Klientelismus und der Nepotismus der albanischen Gesellschaft zwängen ihn dazu: „Ohne Beziehungen bekommst du hier keinen anständigen Job.“

Weitverbreiteter Nepotismus

Zwar sind bei der Rechtsstaatlichkeit positive Trends beobachtbar; Nepotismus bleibt aber ein Hauptvorwurf an die regierende sozialistische Regierung von Edi Rama. Über den 2013 zum Ministerpräsidenten gewählten früheren Künstler, der als unkonventioneller Bürgermeister Tiranas (unter anderem liess er Gebäude bunt anstreichen) auch im Ausland bekannt wurde und der sinnbildlich für ein neues Albanien stand, macht sich daher Ernüchterung breit, besonders unter jüngeren Wählern.

Rama hält das Land, das seit 2014 den Status eines Beitrittskandidaten hat, indes stramm auf EU-Kurs. Eine wichtige Justizreform, die von Brüssel lange eingefordert wurde, konnte im vergangenen Sommer durchgebracht werden. Damit sollen Korruption und politische Einflussnahme auf die Institutionen bekämpft werden.

Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Im November empfahl die Kommission die Aufnahme von Beitrittsgesprächen. Wann es jedoch zu einer Aufnahme kommen wird, steht in den Sternen. 2017 stehen erst einmal Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an.

Impulse von aussen

Bei der Bekämpfung von Armut und Korruption kann das Land durchaus Erfolge vorweisen, auch die wirtschaftlichen Prognosen haben sich 2016 leicht verbessert. Dennoch bleiben die Probleme gross: Die Arbeitslosenquote beträgt knapp 17%, die Schuldenquote des Staates ist auf über 70% der Wirtschaftskraft geklettert, und der Staat tut sich anhaltend schwer damit, die Schattenwirtschaft unter Kontrolle zu bringen. Zudem hat sich Albanien in den letzten Jahren zum grössten Hanfproduzenten Europas entwickelt – eine Entwicklung, die meist mit der Zunahme organisierter Kriminalität einhergeht.

Auch sind die Erfahrungen ausländischer Investoren trotz tiefen Lohnkosten, einer Flat-Rate-Tax von 10% und etlichen Reformbemühungen nicht gerade rosig. Das betont auch Carss. Ausser bei der mangelnden Infrastruktur und der Schwierigkeit, geeignetes Material und Personal zu finden, ortet er das grösste Problem in der Politik. Die ineffiziente und formalistische Bürokratie, die stark von Klientelsystemen durchzogen sei, zeige sich oft unkooperativ. Hinzu komme eine fragile Rechtssicherheit: Vereinzelt seien Vereinbarungen von der derzeitigen Regierung aufgrund politischer Erwägungen einseitig aufgekündigt worden, nur weil es gerade opportun erschienen sei.

Bankers litt in den letzten Jahren unter dem tiefen Erdölpreis, der wirtschaftlichen Krise im Land und fehlenden Investitionen. Produzierte das Unternehmen früher täglich 20 000 Fass Öl, sind es momentan noch 15 000. Kürzlich wurde es von der chinesischen Geo-Jade Petroleum Corp. aufgekauft. Carss rechnet nun mit einer Kapitalspritze, um das Geschäft wieder ankurbeln und ausbauen zu können. Laut eigenen Angaben war Bankers bis vor kurzem der grösste ausländische Investor, der grösste Steuerzahler und einer der grössten Arbeitgeber in Albanien.

Schweizer Grossprojekt

Das wird sich bald ändern: In der Nähe der Erdölfelder von Patos werden die Rohre für TAP (Trans Adriatic Pipeline) verlegt. Damit wird das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Baar im Kanton Zug hat und an dem die schweizerische Axpo mit 5% beteiligt ist, Erdgas aus Aserbaidschan importieren. Die Hoffnung ist gross, dass der Bau der Pipeline, die über Griechenland, Albanien und die Adria nach Italien führt, starke Impulse für Albaniens Wirtschaft freisetzen wird. Möglich ist das durchaus. Trotz allen Rückschlägen habe er über die Jahre hinweg einen klaren Aufschwung miterlebt, sagt Carss. Hohe Zahl von Auswandererngia. ⋅ Zu kommunistischen Zeiten waren die Grenzen Albaniens hermetisch abgeriegelt. Auslandsreisen waren für die normale Bevölkerung unmöglich. Als das Regime fiel, setzte eine starke Auswanderung ein, hauptsächlich nach Griechenland und Italien, von wo Hunderttausende von Arbeitsmigranten Devisen in ihre Heimat schickten. Machten diese Rimessen zu Beginn der 1990er Jahre noch fast ein Viertel des BIP aus, betrugen sie 2015 nur noch 6%.Die Bevölkerungszahl sinkt stark, wozu auch tiefe Geburtenraten beitragen: Lebten um 1990 noch rund 3,2 Mio. Menschen im Land, sind es heute zirka 2,8 Mio. Laut Schätzungen emigrierte in den ersten fünfzehn Jahren nach der demokratischen Wende fast jeder dritte Albaner zumindest vorübergehend; heute leben rund eine halbe Million Albaner allein in Griechenland.Im Zuge der Finanzkrise hat sich der Fokus der Emigration nach Westeuropa und vor allem Deutschland verschoben. Von Januar bis Oktober 2016 reichten albanische Staatsbürger 2% aller Asylgesuche in Deutschland ein, das sind über 13 500 Gesuche. Im Jahr zuvor waren es sogar viermal so viel. Eine Chance auf Asyl besteht aber kaum, insbesondere seit Oktober 2015, als Deutschland Albanien als sicheren Herkunftsstaat einstufte. Die hohe Anzahl von Ausreisewilligen zeigt, dass trotz Wirtschaftswachstum noch immer viele Albaner in finanziell schwierigen Verhältnissen leben. Ins Auge sticht der Stadt-Land-Unterschied: Fast die Hälfte der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig, die aber weniger als einen Fünftel des BIP ausmacht und oft blosse Subsistenzwirtschaft ist. Der überdurchschnittlich hohe Anteil von Roma unter den Asylbewerbern ist zudem ein Zeichen, dass die Integration besonders verletzlicher Bevölkerungsgruppen immer noch ein Problem darstellt.