Karin Hofer / NZZ

Arbeitsmarkt

Die Kosten des Franken-Schocks

von Hansueli Schöchli / vor 7 Tagen

Die Zahl der registrierten Arbeitslosen in der Schweiz ist seit dem Franken-Schock um rund 12 000 gestiegen. Dies dürfte aber den Währungseffekt noch deutlich unterschätzen.

Es hätte weit schlimmer kommen können. Das ist der erste Eindruck der neusten Daten zum Schweizer Arbeitsmarkt zwei Jahre nach dem Franken-Schock vom Januar 2015. Im Dezember 2016 waren 12 000 Arbeitslose mehr registriert als zwei Jahre zuvor. Dieser Anstieg ist unerfreulich, aber deutlich geringer, als man damals hätte befürchten können. Die Arbeitslosenquote stieg seit Dezember 2014 „nur“ von 3,3% auf 3,5%. Boris Zürcher, der Arbeitsmarktchef des Bundes, lobte am Dienstag vor den Medien in Bern die Widerstandsfähigkeit des Schweizer Arbeitsmarkts. An Widerständen hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt: Zuerst kam die Finanzkrise ab 2008 mit der Rezession 2009, dann die massive Franken-Verteuerung bis zur Festlegung der Kursobergrenze im September 2011, und im Januar 2015 zog die Nationalbank den Deckel wieder weg, was den Frankenkurs erneut drastisch in die Höhe trieb.

Rund 30 000 Erwerbslose mehr

Zurzeit ist der Franken gegenüber einem Korb von Fremdwährungen real (bereinigt um die Inflationsdifferenzen) noch etwa 6% teurer als im Dezember 2014. Das schmerzt vor allem jene Sektoren, die internationale Konkurrenz spüren, wie etwa die Exportindustrie, den Tourismus und auch Teile des Detailhandels. Die Schweizer Löhne liessen sich derweil kaum senken, was den Druck auf andere Massnahmen erhöhte. Rationalisierungen, Margenverzicht, Ausweichen auf ausländische Zulieferer und Produktionsverlagerungen waren gängige Stichworte.

Das hat am Arbeitsmarkt stärkere Spuren hinterlassen, als die Daten über die registrierten Arbeitslosen andeuten. Gemessen an einer breiteren Statistik, die auf Basis von Befragungen auch nichtregistrierte Arbeitslose wie etwa die Ausgesteuerten enthält, ist die Erwerbslosenquote seit dem 4. Quartal 2014 von 4,1% auf 4,8% gestiegen, was einer Zunahme von rund 30 000 Personen entspricht. Im gleichen Zeitraum ist die Erwerbslosenquote eines Korbs von fünf Vergleichsländern (Deutschland, Dänemark, Luxemburg, Niederlande, Österreich) im Mittel von 6% auf 5,8% gesunken. Die Erwerbslosenquote beruht auf international einheitlichen Definitionen, hat aber auch ihre Tücken; so kommt zum Beispiel Deutschland mit seinen vielen „Mini-Jobs“ statistisch eher „zu gut“ weg, weil auch schon Kleinsteinkommen genügen, um aus der Erwerbslosenstatistik zu verschwinden.

Die relativ ungünstige Tendenz der Schweiz am Arbeitsmarkt in den letzten Jahren kann auch noch andere Gründe haben als den Franken-Schock – zum Beispiel die Unsicherheit über das Verhältnis zu Europa oder die Probleme des Finanzsektors. Dennoch liesse sich mutmassen, dass der Franken-Schock bisher vielleicht 20 000 oder gar mehr zusätzliche Erwerbslose „produziert“ hat. Gemäss den Prognosen der Bundesökonomen ist das Schlimmste überstanden; für 2017/18 ist demnach eher mit einer leichten Abnahme der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Eine weit offene Frage bleibt aber, ob die Arbeitslosigkeit noch längere Zeit auf einem höheren Niveau bleibt, als sie es in einem Szenario ohne Franken-Schock gewesen wäre.

Nebst dem Niveau der Arbeitslosigkeit ist auch deren Dynamik bedeutend. Wenn zum Beispiel 20 000 Menschen je einen Monat arbeitslos sind, erscheint dies weniger „schlimm“, als wenn 1000 Menschen je zwanzig Monate lange arbeitslos sind. 2016 belief sich die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit auf 6,6 Monate, bei den über 50-Jährigen waren es 9 Monate. Einschliesslich der nichtregistrierten Ausgesteuerten dürfte die effektive Dauer im Mittel noch ein Stück länger sein. Immerhin zeigen die Daten von 2016, dass die Hälfte aller Arbeitslosen weniger als 4,3 Monate arbeitslos war.

Einwanderung als „Puffer“

Bundesökonom Boris Zürcher begründet die Widerstandskraft des Arbeitsmarkts mit dem hohen Anteil von eher wenig konjunktursensiblen Dienstleistungen, dem hohen Bildungsstand der Bevölkerung, der starken Bereitschaft zur Anpassung an den Strukturwandel, dem Druck auf Stellensuchenden und der „Pufferfunktion der Zuwanderung“.

Mit der schwächelnden Wirtschaft ist die Einwanderung zurückgegangen. Laut den Daten des Bundes für Januar bis November 2016 ist heuer mit einem Rückgang der Nettoeinwanderung um rund 20% zu rechnen, womit die Nettoeinwanderung auf etwa 55 000 fallen könnte. Das wäre ein erheblicher Rückgang im Vergleich zu jenen viel zitierten 80 000, die im Vorfeld der Volksabstimmung von 2014 über die Einwanderung als typische Grössenordnung galt.