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USA verhindern G20-Einigung

Freier Handel ist fairer Handel

Meinung / von Christoph Eisenring / 20.03.2017

Das Treffen der G-20 in Baden-Baden ist ein schwarzer Tag für Anhänger von Freihandel. Die Amerikaner sind nicht einmal mehr bereit, sich ausdrücklich von Protektionismus zu distanzieren. Sie verschanzen sich lieber hinter ihrer Forderung nach „fairem“ und „ausgewogenem“ Handel.

Wer hätte gedacht, dass man einmal den Amerikanern die Vorzüge des Freihandels erklären muss? Ausgerechnet den Amerikanern, auf deren Initiative hin 1948 das GATT gegründet wurde, der Vorläufer der Welthandelsorganisation WTO. Seit damals gab es acht Welthandelsrunden. Der globale Handel hat sich real um den Faktor 40 erhöht. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die extreme Armut in der Welt halbiert, weil Länder wie China oder Indien sich in die internationale Arbeitsteilung eingeklinkt haben.

Vor der Wahl von Präsident Trump hatte Washington noch ein transpazifisches Abkommen abgeschlossen (aber nicht in Kraft gesetzt) und mit Europa um einen Freihandelsvertrag gerungen. Tempi passati. Jetzt legen die Amerikaner die Axt an die internationale Handelsordnung. Washington lehnt es ab, sich zur WTO zu bekennen. Stattdessen forderte Finanzminister Steven Mnuchin am Treffen der G-20-Finanzminister in Baden-Baden für sein Land „freien, fairen und ausgewogenen Handel“. Die USA fanden sich nicht einmal bereit zur Erklärung, dass man alle Formen von Protektionismus ablehne – ein Affront gegenüber Gastgeber Deutschland und den 18 anderen Mitgliedern.

Washington lässt mit der WTO eine Organisation verkümmern, die trotz all ihrer Defekte nützlich ist. Sie bietet einen Rahmen, innerhalb dessen Länder Handelsdispute regeln können. Und obwohl die Liberalisierung des Welthandels im Schoss der WTO stockt, konnte sie kürzlich einen wichtigen Erfolg feiern. Im Februar trat das Abkommen zur Erleichterung des Handels in Kraft, womit sich die Kosten im grenzüberschreitenden Verkehr stark verringern werden.

Die Amerikaner sehen das Heil stattdessen in bilateralen „Deals“. Sie setzen auf ihre Stärke als grösste Volkswirtschaft der Welt. Doch Handel ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt, was der andere verliert. Die amerikanische Regierung glaubt offenbar, man könne Handelsbilanzen beliebig zurechtbiegen. Aber wenn zufriedene Amerikaner deutsche Autos oder Maschinen kaufen und glückliche Deutsche im Gegenzug in den USA investieren, ist daran nichts „unfair“. Es wurde nicht „getrickst“ oder „manipuliert“. Freier Handel ist fairer Handel, weil er die Vorlieben der Menschen respektiert.

Das Entsetzen der Europäer in Baden-Baden über die amerikanische Intransigenz ist allerdings etwas heuchlerisch. Gerade die Franzosen sind bisher nicht als Freihändler aufgefallen, man denke nur an ihre „Exception culturelle“. Und nicht in Washington gingen 150 000 Menschen gegen Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen auf die Strasse, sondern in Berlin. Aber vielleicht ist die merkantilistische Anwandlung eines Donald Trump auch ein heilsamer Schock. Jedenfalls scheinen in Europa über Nacht alle glühende Freihändler geworden zu sein. Sie realisieren, dass die Welt unfreier und ärmer zugleich würde, sollte „America First“ auf die Abschottung von Märkten hinauslaufen.