Peter Gut

Fintech und Banken

Nicht automatisch digital

Meinung / von Daniel Imwinkelried / vor 6 Tagen

Tech-Firmen haben im Finanzsektor erst wenige Umwälzungen ausgelöst. Die Banken profitieren von hohen Markteintrittshürden. Sie laufen aber Gefahr, im Herkömmlichen verhaftet zu bleiben.

Ach – die Banken leben noch? Die Diskussion um Digitalisierung und Fintech hatte jüngst den Eindruck erweckt, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Geldhäuser in der heutigen Form verschwänden. Demnach würden Newcomer dank ihrer IT-Kompetenz derart günstig und auf eine so kundenfreundliche Weise Finanzdienstleistungen erbringen, dass die etablierten Anbieter zusammenpacken können.

Dieses Fintech-Wunder ist bisher ausgeblieben – was allerdings nicht heisst, dass sich die Banken in Sicherheit wiegen sollten. Die sogenannte Disruption (Strukturbruch) kann auch sie noch ereilen. Immerhin hat die Dynamik der Digitalisierung einige Wirtschaftssektoren bereits von Grund auf verändert, so etwa den Tourismus. Heutzutage studiert niemand mehr den Ferienkatalog und bucht darauf im Reisebüro zwei Wochen Badeferien am Mittelmeer. Stattdessen haben sich mächtige Buchungsplattformen in die Schnittstelle zwischen Konsumenten und Leistungserbringern gedrängt; Erstgenannte erhalten so einen raschen Überblick über die Preise und die weltweiten Angebote. Gleichzeitig nutzen Touristen je nach Situation eine breite Palette von Dienstleistungen: Einmal buchen sie ein Hotelzimmer über eine spezialisierte Plattform wie Expedia, dann ein Appartement über Airbnb, und für Reisen in eine exotische Destination holen sie sich Rat bei Spezialisten im Reisebüro.

Unterschätzte Hürden

Eine ähnliche Differenzierung hat im Finanzsektor bisher nicht stattgefunden. Zwar gibt es Firmen mit einem ausgefeilten digitalen Angebot. Dank Online-Brokern beispielsweise haben selbst Privatanleger die Möglichkeit, Aktien innert Sekunden weltweit zu handeln. Obwohl diese Unternehmen schon seit einigen Jahren im Geschäft sind, haben sie es aber nicht geschafft, ein breites Publikum an sich zu binden.

Jüngst sind auch die Gründer von sogenannten Robo-Advisors um einige Illusionen ärmer geworden. Es ist noch nicht lange her, da sind sie mit hochfliegenden Plänen ins Geschäft eingestiegen. Das Neue an ihrem Angebot umfasste eine robotisierte, besser: automatisierte Vermögensverwaltung, die auf günstigen Indexfonds (Exchange-Traded Funds, ETF) beruht. Fast alle diese Newcomer mussten sich nach kurzer Zeit jedoch eingestehen, dass sie ausserstande sein würden, ihre ambitiösen Wachstumsziele zu erreichen. Als zu gross erwiesen sich die im Finanzgeschäft bestehenden Hürden, was die Jungunternehmer vor lauter Euphorie nicht wahrhaben wollten. Sie mussten einsehen, dass die etablierten Finanzhäuser über feste Kundenbeziehungen verfügen und bei den Anlegern einen Vertrauensvorsprung geniessen. Beides müssen sich Jungunternehmen zuerst erkämpfen, was hohe Marketingaufwendungen erfordert. Laut Schätzungen investiert ein Robo-Advisor rund 1000 Franken, um einen neuen Kunden zu gewinnen. Solch hohe Summen bringen die neuen Anbieter rasch an ihre finanziellen Grenzen.

Vor allem aber haben die Newcomer unterschätzt, wie komplex die Regulierung des Finanzgeschäfts nach der Wirtschaftskrise von 2008 geworden ist. Damit tun sich selbst die etablierten Banken schwer, obwohl sie auf die Robo-Advisors auch hier einen kaum einholbaren Vorsprung besitzen. Immerhin sind sie finanziell in der Lage, ein Heer von Compliance-Spezialisten zu beschäftigen, und die dadurch entstehenden Kosten können sie auf eine grosse Zahl von Kunden verteilen. Dieses Know-how und die Skaleneffekte müssen sich die Robo-Advisors zuerst erarbeiten – aber woher soll das Geld dafür kommen, zumal man es auch gut für das Marketing gebrauchen könnte?

So fehlt den Robo-Advisors auch die Kraft, ihre grösste Stärke, die sie im Vergleich mit den etablierten Banken besitzen, gebührend herauszustreichen. Robo-Advisors legen das Geld der Kunden in der Regel passiv an. Anders als bei den etablierten Banken machen sich also bei den Jungunternehmen keine gutbezahlten Ökonomen Gedanken darüber, welche Finanzwerte in der nahen Zukunft besser laufen werden als andere. Das Geld wird so investiert, wie es die Börsenindizes nahelegen – und auf diese Weise sind Robo-Advisors imstande, die etablierten Banken bei den Gebühren zu unterbieten. Die Differenz kann entscheidend sein. Aktives Investieren ist teuer und bringt den Anlegern häufig keinen Mehrwert. Dieser ergibt sich vielmehr aus niedrigen Gebühren. Nun haben zwar passive Anlagen jüngst einen Aufschwung erlebt, und den Banken fällt es zunehmend schwer, die Kunden vom Sinn des aktiven Investierens zu überzeugen. Der grosse Dammbruch hat jedoch noch nicht stattgefunden. Vielleicht sind die meisten Privatanleger zu träge, möglicherweise aber auch die Transaktionskosten viel zu hoch. Eine etablierte Bankbeziehung aufzulösen, kostet Privatkunden jedenfalls ein kleines Vermögen – und das, um mit einem jungen Anbieter in Kontakt zu treten, über den man nur wenig weiss.

Das gibt den etablierten Banken Zeit, sich mit der neuen digitalen Welt weiter vertraut zu machen. Sie haben zwar bereits viel Geld in das Online-Banking investiert und teilweise sogar Fintech-Unternehmen gekauft, um ja nicht den Anschluss zu verlieren. Dieser Prozess ist allerdings noch nicht so weit fortgeschritten, wie das den Privatkunden manchmal vorgegaukelt wird. So haben jüngst Schweizer Retail-Banken damit begonnen, Hypotheken über das Internet zu vertreiben. Das gibt den Instituten zwar einen modernen Anstrich, die Verarbeitung solcher E-Darlehen ist aber immer noch mit viel Handarbeit verbunden. Durchgängig digitale Prozesse existieren bei den Finanzinstituten noch nicht in grosser Zahl, weil die historisch gewachsenen Informatiksysteme nicht zueinander passen. Sie sind über viele Jahrzehnte entstanden, so dass sich ein Arbeitsschritt nicht automatisch an den nächsten fügt.

Die Banken unternehmen grosse Anstrengungen, um das zu ändern, und sie setzen dabei zunehmend auch auf externe Dienstleister, die einen Teil der Wertschöpfungskette übernehmen. Doch reicht das? Es scheint, als ob der Finanzsektor in dieser Hinsicht anderen Branchen weit hinterherhinkt. In der Industrie gibt es beispielsweise Unternehmen, die sich fast vollständig auf die Montage beschränken und sämtliche Komponenten von spezialisierten Zulieferern beziehen.

Angst vor Kontrollverlust

Eine solche Entwicklung hat bei den Geschäftsbanken bisher nur in geringem Mass stattgefunden. Die Führungskräfte waren seit der Finanzkrise von 2008 zu sehr mit anderen Themen beschäftigt, um sich um die Digitalisierung der Wertschöpfungskette zu kümmern. Es galt, mit den vielen neuen Regulierungsvorschriften Schritt zu halten, die teilweise schwache Kapitalbasis zu stärken und das Offshore-Geschäft neu auszurichten. Wahrscheinlich fürchten sich die Bankmanager allerdings auch davor, die Kontrolle zu verlieren, falls man deutlich mehr Dienstleistungs-Bausteine von Drittanbietern übernähme und auf diese Weise probierte, stärker von der Digitalisierung zu profitieren.

Lieber strampeln sich die Institute ab und versuchen, Effizienzgewinne weitgehend auf eigene Faust zu erzielen. Und man konzentriert sich darauf, die bestehenden Geschäftsmodelle in die neue digitale Welt zu retten. Doch wird die Bank von morgen weiterhin dieselbe breite Dienstleistungspalette wie heute bieten? Wahrscheinlich nicht. Noch tappen die Führungskräfte bei der Frage, was eigentlich den Kern des Bankgeschäfts ausmacht, im Dunkeln. Die Digitalisierung dürfte sie jedoch dazu zwingen, sich diesem Thema stärker zu widmen. Ja, die Fintech-Newcomer waren bisher im Privatkundenbereich nicht besonders erfolgreich. Die Banken sollten diesen Befund aber nicht als eine Art Lebensversicherung missverstehen.